Naomi Leshem zeigt ihre Werke in Bühl

Bühl (jo) – Kunst im „Dialog“ auf zwei Rheinseiten: Die Fotografin Naomi Leshem stellt im Herbst großformatige Bilder in Bühl und in Drusenheim aus.

Naomi Leshem (hier im Gespräch mit Bürgermeister Jokerst bei ihrer letzten Ausstellung in Bühl im Jahr 2010) wird ihre Arbeiten im Herbst erneut in Bühl präsentieren: Foto: Joachim Eiermann

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Naomi Leshem (hier im Gespräch mit Bürgermeister Jokerst bei ihrer letzten Ausstellung in Bühl im Jahr 2010) wird ihre Arbeiten im Herbst erneut in Bühl präsentieren: Foto: Joachim Eiermann

Schon lange waren OB Hubert Schnurr und Bürgermeister Wolfgang Jokerst ihren Drusenheimer Amtskollegen Jacky Keller (Maire) und Michel Klein (Adjoint Maire) nicht mehr begegnet. Pandemiebedingt. Die vier Herren von der deutschen und französischen Rheinseite führte jetzt eine Dame aus Israel zusammen, genauer gesagt die Fotokünstlerin Naomi Leshem. Sie wird im Herbst in Bühl und in Drusenheim ausstellen.

Ursprünglich sollte ihre Kunst bereits im Jahr 2020 an den Wänden hängen. Nun aber scheint der Weg frei für 20 großformatige Werke unter dem Titel „Fotografische Gespräche“, die vom 8. Oktober bis 6. November in Bühl im Friedrichsbau zu sehen sein werden. Zehn weitere Großformate werden parallel im Drusenheimer Kulturzentrum Pôle Culturel präsentiert. „Wir freuen uns, dass es jetzt endlich klappt“, erklärte Schnurr gestern in Bühl bei einer gemeinsamen Pressekonferenz, die in deutscher und französischer Sprache abgehalten wurde. Er erinnerte an Naomi Leshems Vater, dem aus Bühl stammenden Holocaust-Zeitzeugen. Die Künstlerin selbst „thronte“ virtuell über den Köpfen aller, zugeschaltet auf einer Videoleinwand.

„Außergewöhnliche Künstlerin“

„Wir haben das Glück, eine ganz außergewöhnliche Künstlerin zu Gast zu haben“, kündigte Jokerst eine „spannende Ausstellung“ an, die sich vom regulären Programm abheben werde. Als Leshem im Jahr 2010 schon einmal in Bühl vertreten war, habe dies in der Kunstszene deutschlandweit Resonanz gefunden.

Die zweite Schau ist in der Art ihrer Inszenierung eine Premiere. Erstmals werden ältere und neue Werke der renommierten Fotografin in paarweiser Zusammenstellung, erklärtermaßen in „Dialogen“, gezeigt. „Sie reflektiert ihre bisherigen Arbeiten und hebt sie auf eine neue Ebene“, so Jokerst. Naomi Leshem ist auf Menschen, Orte (Landschaften), Gegenstände und Situationen fokussiert, die sie mittels einer alten analogen Großbildkamera in Szene setzt.

Bekannte Bildbände von ihr sind „Runaways“ und „Sleepers“. Letzterer entstammt einer Motivreihe junger Menschen im Tiefschlaf, die sie in Israel, Deutschland, Frankreich, der Schweiz und in den USA unter großem Aufwand abgelichtet hat. Darunter auch ein Mädchen mit Bezug zu Bühl. „Schlaf ist etwas zwischen Leben und Tod“, fasziniert sie zum einen, „Schlaf ist auch Kultur und Religion“ zum anderen. Der jeweilige Bezug (oder auch innere Konflikt) der ausgewählten Doppel-Motive aus sechs unterschiedlichen Reihen werde jedoch nicht auf den ersten Blick zu erkennen sein, bemerkte Jokerst. Die Betrachter müssen sich auf die Arbeiten einlassen, um die Dialoge herstellen zu können: „Es ist eine Art Schule des Sehens.“

Unter anderem dieses Motiv der Künstlerin aus ihrer Serie „Sleepers“ soll in Bühl gezeigt werden. Foto: Naomi Leshem

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Unter anderem dieses Motiv der Künstlerin aus ihrer Serie „Sleepers“ soll in Bühl gezeigt werden. Foto: Naomi Leshem

Jacky Keller würdigte das bevorstehende gemeinsame Kunstereignis auch als Beitrag, um die Kontakte zwischen Deutschen und Franzosen zu vertiefen: „Am besten verstehen wir uns in der Kultur.“ Michel Klein sprach die intensive Vorbereitung an, die bereits vor mehreren Jahren begonnen habe, und zeigte sich sicher: „Die Ausstellung wird reüssieren.“ Aus Drusenheim gekommen war auch Anne-France Boissenin, Direktorin des Pôle Culturel. Sie wies auf die kunstpädagogischen Aspekte des Gesamtprojekts hin, das aus dem EU-Programm Interreg gefördert wird. Unter anderen werden Studenten der Straßburger Hochschule für Gestaltung, Ecole ORT, mit der Künstlerin zusammenarbeiten. Auf Bühler Seite eingebunden ist das Windeck-Gymnasium.

Das Rahmenprogramm in Kooperation mit der Volkshochschule des Landkreises Rastatt und der grenzüberschreitenden Pamina-Volkshochschule sieht spezielle Kreativ-Schreibkurse in beiden Sprachen vor, ergänzte die Bühler Europabeauftragte Bettina Streicher. Außerdem sollen sich Deutsche und Franzosen mittels einer innovativen Online-Kommunikationsplattform austauschen können, ließ Marie Kämpf wissen, die die gesamte Pressekonferenz dolmetschte.

Zur Person

Naomi Leshem (57), gebürtig in Jerusalem, hat von 1985 bis 1987 Fotografie in Jerusalem studiert. Ihre Werke befinden sich in renommierten Sammlungen wie dem Israel Museum in Jerusalem, dem Tel Aviv Museum of Art und dem Norton Museum of Art in Florida (USA). Lange ist die Liste ihrer Ausstellungen in Zürich, New York, London, Paris und anderen Städten. 2009 wurde sie mit dem „Constantiner Photography Award“ im Tel Aviv Museum of Art ausgezeichnet, 2014 mit dem israelischen Kunstpreis „Mifal Hapais“. Sie unterrichtet am College of Photography in Kiryat Ono bei Tel Aviv. Naomi Leshem ist die Tochter von Ehud Loeb (1934-2019). Ihr Vater wurde 1940 als sechsjähriger Junge mit seinen Eltern von Bühl nach Gurs deportiert und überlebte als einziges Familienmitglied den Holocaust. Nach seinem ursprünglichen Namen Herbert Odenheimer ist in Bühl eine Straße benannt.

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Erstellt:
16. Juni 2021, 19:00 Uhr
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